Komplexe posttraumatische Belastungsstörung (komplexe PTBS / KPTBS)

Komplexe PTBS

Die komplexe posttraumatische Belastungsstörung (auch komplexe PTBS oder KPTBS) ist eine psychische Erkrankung, die sich in der Regel aufgrund von schweren oder wiederholten bzw. langanhaltenden Traumatisierungen in der Kindheit entwickeln kann.

Krankheitsbild komplexe posttraumatische Belastungsstörung (komplexe PTBS)

Die amerikanische Psychiaterin Judith Herman war die erste, die den Begriff „komplexe PTBS“ für die auftretenden Störungen durch chronische Traumatisierungen vorgeschlagen hatte. Sie verwendete auch den Begriff „DESNOS“ (Disorders of Extreme Stress Not Otherwise Speficied). Sie beschrieb, dass chronische Traumatisierungen in der Kindheit zu Veränderungen in den folgenden sechs Funktionsbereichen führen können:

  • Regulation von Affekten und Impulsen
  • Aufmerksamkeit oder Bewusstsein
  • Selbstwahrnehmung
  • Beziehung zu anderen
  • Somatisierung
  • Persönliche Bedeutungssysteme

Die komplexe PTBS ist in der ICD-10 und im DSM-5 nicht definiert

Die komplexe PTBS geht weit über das hinaus, was in der ICD-10 als PTBS (posttraumatische Belastungsstörung) definiert ist. Weder in der ICD-10 noch im DSM-5 ist die komplexe PTBS als eigenständige Erkrankung / Störung definiert. Aus diesem Grund müssen Ärzte und Therapeuten die zugehörigen Symptome einzeln kodieren, als wären es unterschiedliche Störungen.

Die Tatsache, dass die komplexe PTBS in der ICD-10 und im DSM-5 nicht definiert ist, hat oftmals weitreichende Konsequenzen für die Betroffenen. Eine Therapie, die sich auf die einzelnen Symptome beschränkt (z.B. Depression, Angststörungen, oder die nicht komplexe PTBS) wird den Betroffenen nicht gerecht und führt nicht selten zu keinen oder nur geringfügigen Verbesserungen der Lebensqualität.

Entwicklungen in der ICD-11 und im DSM-5

In den vergangenen Jahren wurde versucht, die Diagnosekategorie der komplexen PTBS präziser zu definieren und empirisch zu validieren. In diesem Kontext hat sich eine Forschergruppe gebildet, die einen Vorschlag für die Definition der komplexen PTBS erarbeitet, welcher als Diagnosekategorie in die ICD-11 eingehen soll. In diesem Vorschlag ist für das Vorliegen einer komplexen PTBS zusätzlich zu den Symptomen der klassischen PTBS das Vorhandensein von Symptomen aus den Bereichen Affekt, negatives Selbstkonzept und Probleme der interpersonellen Beziehungsgestaltung erforderlich (siehe Kapitel Symptome).

Im amerikanischen DSM-5 wurden die Kriterien der PTBS dahingehend erweitert, dass auch Symptome aus den Bereichen der Emotionsregulierung und der interpersonellen Regulation eingeschlossen wurden. Damit sind zwar nicht alle Phänomene, welche im Zusammenhang einer komplexen PTBS auftreten können, abgebildet. Die Erweiterung stellt jedoch einen Fortschritt im Vergleich zum DSM-4 dar.

Symptome

Die komplexe PTBS kann sich recht vielfältig in der Symptomatik darstellen. Zusätzlich zu den Symptomen der klassischen PTBS bestehen weitere Symptome in den Bereichen Affekt, negatives Selbstkonzept und interpersonelle Probleme. Im Folgenden sind die Symptome der komplexen PTBS im Detail dargestellt.

Symptome der klassischen PTBS

Intrusives Wiedererleben

Intrusives Wiedererleben äußert sich in Form von sich aufdrängenden, belastenden Erinnerungen an das Trauma in Form von Flashbacks oder Albträumen. Betroffene haben dabei das Gefühl, die traumatische Situation nochmals zu durchleben.

Vermeidungsverhalten

Traumatisierte neigen dazu, alles, was sie an das Trauma erinnert, zu vermeiden. Dieses können zum Beispiel Aktivitäten, Situationen oder Orte sein. Die Vermeidung ist auf lange Sicht kontraproduktiv, da sich die Symptome der PTBS verfestigen.

Übererregung

Nach einem Trauma befinden sich Betroffene oft in einem Zustand ständiger und überhöhter Wachsamkeit (auch Hypervigilanz genannt). Dies äußert sich häufig in Form von Ängsten, übermäßiger Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen, Reizbarkeit und Konzentrationsstörungen.

Zusätzliche Symptome der komplexen PTBS

Bei einer komplexen PTBS treten zusätzlich zu den Symptomen der klassischen PTBS weitere Symptome in den Bereichen Affekt, negatives Selbstkonzept und interpersonelle Probleme auf. Im Folgenden sind die möglichen zusätzlich auftretenden Symptome der komplexen PTBS dargestellt. Für das Vorhandensein einer komplexen PTBS muss aus jedem der drei Bereiche (A-C) mindestens ein Kriterium erfüllt sein.

(A) Affekt

(A1) Störungen der Emotionsregulierung

– Erhöhte emotionale Reaktivität
– Gewaltsame Emotionsausbrüche
– Rücksichtsloses oder selbstschädigendes Verhalten
– Tendenz zu längeren dissoziativen Zuständen unter Stress (siehe Symptome dissoziativer Störungen)

(A2) Emotionale Betäubung

(A3) Verminderte Fähigkeit, positive Emotionen zu erleben

(B) Negatives Selbstkonzept

(B1) Anhaltende Überzeugung, als Person minderwertig, machtlos und/oder wertlos zu sein

(B2) Tiefgreifende Schuld- und Schamgefühle

(C) Interpersonelle Probleme

(C1) Anhaltende Schwierigkeiten, emotionale Beziehungen aufrecht zu erhalten

(C2) Vermeidung von Beziehungen und sozialem Engagement oder geringes Interesse daran

Diagnose

In der ICD-10 und im DSM-5 gibt es noch keine Diagnosekategorie zur komplexen PTBS. Aus diesem Grund müssen die Symptome heute einzeln wie separate Erkrankungen diagnostiziert werden.

Für die ICD-11 existiert das oben beschriebene Konzept (sh. Symptome), das mit großer Wahrscheinlichkeit Anwendung finden wird.

Häufigkeit

In der Langzeitstudie „Adverse Childhood Experiences“ wurden mehr als 17.000 Erwachsene der US-amerikanischen Bevölkerung bzgl. vorliegenden Kindheitstraumata befragt. In etwa zwei Drittel der befragen Personen gaben an, mindestens ein Kindheitstrauma erlebt zu haben (siehe Beitrag ACE-Studie: Wie Kindheitstraumata Gesundheit und Verhalten ein Leben lang beeinflussen).

Es liegen einige Studien zur Häufigkeit der komplexen PTBS vor, welche auf Basis der von Herman definierten DESNOS-Kriterien durchgeführt wurden. Bei Frauen, die sexuellen Missbrauch oder körperliche Misshandlung in der Kindheit erlebt haben, beträgt die Häufigkeit 50% (Roth et al., 1997). Bei Folteropfern wurde eine Häufigkeit von 66% festgestellt (Teegen und Vogt, 2002).

Ursachen

Die Ursache für die komplexe PTBS sind in der Regel schwere oder wiederholte bzw. langanhaltende Traumatisierungen in der Kindheit. Zu diesen gehören zum Beispiel körperliche und psychische Misshandlung, sexueller Missbrauch sowie körperliche und emotionale Vernachlässigung.

Eine komplexe PTBS kann auch bei Traumatisierungen im Erwachsenenalter auftreten, bspw. als Folge von Kriegserlebnissen, Flucht und Folter.

Differenzialdiagnostik

Bei der Diagnose der komplexen PTBS sind folgende Störungen differenzialdiagnostisch zu berücksichtigen:

Psychotische Störungen

Wenn eine schwere dissoziative Symptomatik vorliegt, insbesondere, wenn akustische Halluzinationen vorhanden sind, sollten psychotische Störungen als Differenzialdiagnosen in Betracht gezogen werden.

Ist die Realitätsprüfung erhalten, d.h. kann der Betroffene Wirklichkeit von Unwirklichkeit unterscheiden, dann ist eine vorliegende dissoziative Störung im Rahmen einer komplexen PTBS wahrscheinlicher als eine psychotische Störung. Betroffene von dissoziativen Störungen wissen sehr wohl, dass Außenstehende die Stimmen nicht hören, sondern nur sie selbst.

Andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung

Die Differenzialdiagnose zur andauernden Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (ICD-10: F62.0) stellt ein heiß umstrittenes Thema dar, vor allem, weil für die andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung eine Diagnosekategorie in der ICD-10 besteht, für die komplexe PTBS hingegen nicht.

Die Symptome der komplexen PTBS und der andauernden Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung weisen eine große Überschneidung auf. Aus diesem Grund ist eine Abgrenzung der beiden Störungen auf Basis der Symptomatik schwierig. Gemäß Definition entsteht die andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung nach kumulativen personellen Traumatisierungen im Erwachsenenalter. Die Ursachen der komplexen PTBS hingegen sind häufig Traumatisierungen in der Kindheit und Jugend.

Die Trauma-Expertin Prof. Dr. Luise Reddemann schlägt vor, anstelle der Diagnose der andauernden Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung die Diagnose der komplexen PTBS zu stellen, nicht zuletzt deshalb, weil bei der komplexen PTBS bewährte therapeutische Konzepte vorliegen, was bei der andauernden Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung nicht der Fall ist.

Therapie

Die Störungsbilder der komplexen PTBS sind sehr vielfältig und individuell. Aus diesem Grund sollte das Therapiekonzept auf jeden Betroffenen maßgeschneidert sein. Die Therapie sollte dabei nicht nur auf die bloße Reduzierung der Symptome abzielen, sondern auch den Aufbau von Selbstregulationsfähigkeiten und Ressourcen zum Ziel haben.

Therapiemethoden

Zur Behandlung der komplexen PTBS haben sich zahlreiche Therapiemethoden und Therapietechniken bewährt. Hierzu zählen zum Beispiel die folgenden:

  • EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing)
  • PITT (Psychodynamisch Imaginative Trauma Therapie)
  • DBT (Dialektisch Behaviorale Therapie)
  • Gestalttherapie
  • Somatic Experiencing (SE)
  • Kognitive Verhaltenstherapie

Behandlungsleitlinien der ISTSS

Die Arbeitsgruppe „Complex Trauma Task Force“ der International Society of Traumatic Stress Studies (ISTSS) hat auf Basis der relevanten Literatur und eines Expertenkonsensus Behandlungsleitlinien für die Behandlung der komplexen PTBS bei Erwachsenen erarbeitet. Diese sollten Grundlage jeder Therapie sein.

Die Behandlungsleitlinie empfiehlt ein phasenorientiertes Vorgehen, das aus den drei Phasen Stabilisierung (1), Traumakonfrontation (2) und Neuorientierung (3) besteht. Im Folgenden sind die drei Phasen im Detail erläutert.

Phase 1: Stabilisierung

In der ersten Phase der Traumatherapie, der Stabilisierungsphase, sollen Betroffene soweit „gestärkt“ werden, dass sie bereit sind, sich in der anschließenden Phase mit den traumatischen Erinnerungen konfrontieren zu können.

Folgende Ziele sollen in der Stabilisierungsphase verfolgt werden:

  • Aufbau einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung: Am Anfang der Therapie sollte der Aufbau einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung im Vordergrund stehen. Sie ist Grundvoraussetzung dafür, dass eine Traumatherapie erfolgreich durchgeführt werden kann.
  • Psychoedukation: Betroffene sollen über das Störungsbild der komplexen PTBS und deren Auswirkungen, insbesondere auf die persönliche Entwicklung, den Lebensverlauf, die Weltanschauung und Beziehungen aufgeklärt werden.
  • Äußere Sicherheit: Befinden sich Traumatisierte weiterhin in einem bedrohlichen Umfeld, müssen gemeinsam Strategien erarbeitet werden, sich von diesem Umfeld zu lösen. Nur, wenn der Betroffene sich in Sicherheit fühlt, ist eine Traumaverarbeitung überhaupt möglich. Betroffene sollen darin bestärkt werden, ein unterstützendes soziales Umfeld aufzubauen (z.B. Freunde, Selbsthilfegruppen).
  • Stärkung der Emotionswahrnehmung und -regulierung: Betroffene sollen lernen, ihre Gefühle klarer wahrzunehmen und besser regulieren zu können.
  • Aufbau eines positiven Selbstkonzeptes: Viele komplex Traumatisierte haben ein negatives Selbstbild. In der Stabilisierungsphase gilt es, dieses sukzessive in ein positives Selbstkonzept umzuwandeln.
  • Meditation und Achtsamkeit: Meditation und Achtsamkeit können den Therapieprozess deutlich unterstützen. Sie sind jedoch nicht alleine ausreichend für eine Therapie.

Phase 2: Traumakonfrontation

Die zweite Phase zielt auf das bewusste Wiedererleben und die Neubewertung der traumatischen Erlebnisse ab. Durch das Wiedererleben des Traumas im Rahmen einer sicheren Umgebung (der Therapie), können traumatische Erlebnisse neu bewertet und in die Biografie integriert werden. Ziel ist es, dass die traumatischen Erinnerungen nicht mehr überflutend wirken, sondern als „normale“ Erinnerungen im biografischen Gedächtnis abgespeichert werden.

Wirkt die Konfrontation mit traumatischen Ereignissen zu belastend, so ist es ratsam, immer wieder zur ersten Phase, der Stabilisierung, zurückzukehren, damit der Betroffene die für die Traumakonfrontation erforderliche Stabilität beibehält.

Phase 3: Neuorientierung

Die dritte Phase stellt den Übergang von der Therapie in das „Leben nach dem Trauma“ dar. Gegebenenfalls auftretende Sinnfragen werden geklärt und die Betroffenen dabei unterstützt, sich neu im Leben zu orientieren. Hierzu gehören zum Beispiel Pläne über Ausbildung, Beruf, Freizeit, Hobbys, soziale Aktivitäten und Beziehungen.

Begleiterkrankungen

Bezogen auf die klassische posttraumatische Belastungsstörung wurden die Begleiterkrankungen umfangreich untersucht. Laut dem National Comorbidity Survey aus den USA erfüllen 88% der Männer und 79% der Frauen mit PTBS die Diagnosekriterien mindestens einer weiteren psychiatrischen Störung.

Eine vorliegende depressive Episode wurde beispielsweise bei 48% der Männer und 49% der Frauen festgestellt. Gleichzeitiger Alkoholmissbrauch besteht bei 52% der Männer und 14% der Frauen, Drogenmissbrauch bei 35% der Männer und 8% der Frauen. Darüber hinaus treten oftmals auch Angststörungen auf. Hierzu gehören einfache Phobien (31% bei Männern, 15% bei Frauen), generalisierte Angststörungen (17% bei Männern, 8% bei Frauen) sowie die Agoraphobie (16% bei Männern, 8% bei Frauen).

Gemäß dem Canadian Community Health Survey besteht auch ein Zusammenhang zwischen PTBS und Rückenschmerzen und Fibromyalgie. Bei Personen mit PTBS beträgt die Häufigkeit gleichzeitig vorliegender Rückenschmerzen 46%. Bei gleichzeitig vorhandener Fibromyalgie beträgt die Häufigkeit 8%.

 

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25 Antworten

  1. Simone sagt:

    Vielen Dank für den aufschlussreichen Artikel.
    Kann mir jemand eine gute Trauma (Reha)Klinik empfehlen, wo evtl. schon damit gearbeitet wird?.

  2. Manfred sagt:

    bei mir wurden nach vielen Jahren des Herumirrens nun auch diese Diagnose festgestellt. Jetzt stehe ich vor dem Problem einen geeigneten Therapeuten zu finden. Wie stellt man das im Raum München an?

    • Stephan sagt:

      Hallo Manfred,

      schön, dass Du die jetzt die richtige Diagnose bekommen hast. In München kann ich Dir als Anlaufstellen das Traumahilfezenrum München und die Traumaambulanz im Klinikum rechts der Isar empfehlen. Die vermitteln auch Traumatherapeuten.

      Ich wünsche Dir, dass Du schnell einen geeigneten Therapeuten für Dich findest.

      Beste Grüße
      Stephan

    • Rick sagt:

      Bin selber Betroffener und habe kenne leider auch das Thema des Herumirrens auf der Suche nach der richtigen Diagnose und Therapie.

      Ich bin jetzt bei einem in NARM und SE ausgebildeten Therapeuten gelandet und habe zum ersten Mal das Gefühl, jetzt arbeiten wir an der richtigen Stelle. NARM richtet sich vor allem an Menschen mit sogenannten Entwicklungstraumata, näheres siehe https://www.drlaurenceheller.com/Intro_to_NARM_Gr.html

      Dort gibt es auch ein Verzeichnis mit Therapeuten, die in dieser Methode ausgebildet sind https://www.drlaurenceheller.com/practitioners_Gr.html

      Das Buch von Laurence Heller „Entwicklungstrauma heilen“ ist in diesem Zusammenhang sehr zu empfehlen, ebenso wie die hier schon genannten von Pete Walker und ergänzend zur Therapiebegleitenden Selbsthilfe von Sarah Peyton.

      Liebe Grüße
      Rick

      • Stephan sagt:

        Lieber Rick,

        vielen Dank für Deine wertvollen Empfehlungen.

        Das Gefühl, jetzt (endlich) an der richtigen Stelle zu arbeiten, kenne ich aus eigener Erfahrung übrigens sehr gut. Es war der lang ersehnte wirkliche Anfang meiner „Reise“.

        Ich wünsche Dir alles Gute.

        Beste Grüße,
        Stephan

        • Rick sagt:

          Danke lieber Stephan und danke auch für diese tollen und sehr informativen Seiten.
          Leider kommt bei mir der „lang ersehnte wirkliche Anfang meiner Reise“ ein wenig spät. Habe inzwischen die 60 überschritten und wollte, jetzt zeitlich und finanziell einigermaßen unabhängig, die nächsten Jahre noch ein wenig die Welt bereisen, mich dann auf meine alten Tage vielleicht in Südostasien niederlassen.
          Jetzt bin ich durch die Therapie doch wieder ziemlich ortsgebunden und habe das Gefühl, die Zeit läuft mir davon, bei komplexer PTBS ist das wohl eher eine Sache von vielen Jahren Therapie soweit ich das sehe. Deshalb studiere ich auch viel die verfügbare Literatur und versuche was ich kann, um diesen Prozess zu beschleunigen.
          Meine Ärztin hat schon gesagt, das ist eine Lebensaufgabe. Na gut, im nächsten Leben habe ich dann hoffentlich mehr Glück 🙂

          • Stephan sagt:

            Lieber Rick,

            ich kann Deinen Schmerz verstehen, viele Jahre verloren und erst jetzt die richtige Hilfe gefunden zu haben. Ich bin (im Verhältnis junge) 35 Jahre und mein Schmerz über die verlorenen Jahre ist schon sehr groß.

            Ich finde es schön, dass Du Deinen Weg auch im höheren Alter gehst. Mein Vater, im ähnlichen Alter wie Du, wird seinen Weg in diesem Leben wohl nicht mehr beginnen. Zu groß ist seine Angst, sich seinen „Dämonen“ zu stellen. Weiterhin weglaufen scheint für ihn die bessere Alternative zu sein. Das macht mich sehr traurig.

            Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du schnell frei wirst von Deiner Vergangenheit und hoffe, dass Du noch viele Jahre freien Herzens genießen kannst.

            Liebe Grüße
            Stephan

  3. ronja hübl sagt:

    Vielen Dank Stephan,
    ein wirklich interessanter Bericht. Es ist ein furchtbarer zusätzlicher Stress den man in etlichen Jahren „herumreichens“ erlebt. Schlussendlich ist man dann soweit zu sagen „ich mach das lieber mit mir allein aus“ als das sich noch irgendwer unwissend daran versucht zu heilen. Die Problematik schlecht informierter Ärzte trifft leider auf viele Fachbereiche zu. Ich verstehe nicht warum, wo es doch so viele Möglichkeiten der Infobeschaffung gibt. Ein weiteres Problem, dass die nicht genaue Diagnostik u Anerkennung mit sich bringt ist eben auch, die Anerkennung durch beispielsweise Ämter um Behinderungsgrade festzustellen. Denen ist ganz sicher nicht klar wie beeinträchtigt ein Mensch ist, der unter einer komplexen PTBS leidet. Ich will dennoch die Hoffnung nicht aufgeben, dass es sich ändern wird. Vielen dank für die vielen so wertvollen Infos.

    • Stephan sagt:

      Vielen Dank für Deinen Kommentar, liebe Ronja. Ich hoffe auch und glaube auch, dass sich daran etwas ändern wird.

      Ich wünsche Dir alles Gute auf Deinem Weg.

      Liebe Grüße,
      Stephan

  4. Schilli sagt:

    Ich wünschte, diese Informationen hätten auch Psychologen, Psychiater etc.
    Dann hätte ich 12 Jahre Therapie möglicherweise verkürzen können, bzw. mir einen traumatherapeuthen gesucht… und ich hätte Nicht immer noch das Gefühl, mir geht es nicht besser als früher.
    Warum ist diese nicht im ICD enthalten?
    Diese Info hat mich gerade echt geschockt….

    • Stephan sagt:

      Hallo Schilli,

      ja, leider bestehen bei vielen „Fachleuten“ Wissenslücken bzgl. Trauma und Traumafolgen – ein Zustand, der sich hoffentlich bald mal ändert.

      Die noch gültige ICD-10 existiert schon ziemlich lange. Damals gab es noch nicht die notwendige Erkenntnis, dass sich komplexe Traumatisierungen von „einfachen“ deutlich unterscheiden. In der ICD-11, die bald inkrafttreten wird, gibt es dann endlich die Diagnose der komplexen PTBS.

      Liebe Grüße
      Stephan

      • peter sagt:

        ICD 11 – 6B41 wird leider aber erst 2022 in kraft treten, wenn sie 2019 den bestätigt wird. nur leider wie du schon sehr richtig erkannt hast, ist die diagnose und therapie problematisch. weil eben oft nicht erkannt oder eben oft falsch diagnostiziert. ich weiss leider wovon ich spreche, weil ich selber cPTSD habe aber als F33.2 ,f43.1, f51 eingestuft werde .check mal peter walker aus. das buch Complex PTSD: From Surviving To Thriving hat mir persönlich mehr gebracht als die 2 besuche in einer akkutklinik . sehr spannnend sind auch die neustes erkenntnisse im zusammenhang mit dem eCB (Endocannabinoid System) . mal sehn wann das hier bei den „fachleuten“ wahrgenommen wird. leider wird ja oft zu psychopharmaka zurückgegeriffen die mehr kaput macht als sie hilft, so finde ich..

  5. Theresia sagt:

    Hallo, ich habe eine DISS, eine dissoziativen Bewegungsstörung und PTBS. Meiner Erfahrung nach fehlt bei den Therapien noch ‚Das innere Kind retten‘ von Gabriele Kahn. Diese Methode ermöglicht mir, meine verschiedensten Kinder zu retten, so dass sie in Sicherheit sind und sich wohl fühlen. Jede andere Methode hat bei mir versagt.
    Vielen Dank für deine Artikel!

    • Stephan sagt:

      Hallo Theresia,

      vielen Dank für Deine wichtige Anmerkung. Bei Traumatisierungen im Kindesalter müssen immer die traumatisierten Kindanteile gerettet werden. Ohne geht es nicht, denn genau darin liegt die Heilung.

      Liebe Grüße
      Stephan

  6. Tobias sagt:

    Ein sehr guter und Aufschlussreicher Artikel der die Problematik der Komplexen PTBS erklärt.
    Diesen Artikel sollten sich mit Sicherheit auch mal Ärzte und Psychotherapeuten durchlesen. Nach meinen Erfahrungen besteht diesbezüglich sehr viel Unwissenheit in diesen Gruppen welche den Betroffenen ihr Leid deswegen unnötig verlängern.

    • Stephan sagt:

      Hallo Tobias,

      vielen Dank für Dein schönes Feedback. Es freut mich sehr, dass Dir der Artikel gefällt.

      Bzgl. der Unwissenheit vieler „Fachleute“ muss ich Dir leider Recht geben. Hoffentlich ändert sich daran längerfristig etwas.

      Beste Grüße
      Stephan

  7. Kama Zaorska sagt:

    Auch mir gefällt der Stil, informativer Inhalt und vor allem eine sehr gute Struktur des Bildes PTBS.

    Als ziemlich betroffene, habe ich mich hier gut erkennen können.

  8. Valerie Horumsberg sagt:

    Wunderbarer Artikel. Klar und deutlich, informativ und ohne jedes unnötige Drumherumgerede. Danke dafür!

  9. Michael Schuhr sagt:

    Moin Stephan,

    darf ich dieses auf meiner FB-Seite teilen? Da ich selbst stark betroffen bin, kann ich damit einigen Leuten damit weitere Erklärungen geben. Zumal ich EMDR und PITT selbst mache, bzw. in Bielefeld (Prof. Dr. Reddemanns ehem. Traumaklinik) gemacht habe.

    Viele Grüße
    Michael

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