Dissoziative Krampfanfälle/Anfälle – Symptome, Ursachen, Diagnose, Therapie

Dissoziative Krampfanfälle

Dissoziative Krampfanfälle (auch dissoziative Anfälle genannt) sind psychogene Anfälle, die epileptischen Anfällen sehr ähneln. Die dissoziativen Krampfanfälle gehören zum Spektrum der dissoziativen Störungen.

Dissoziative Krampfanfälle – Symptome und Krankheitsbild

Dissoziative Krampfanfälle weisen eine große Ähnlichkeit zu epileptischen Anfällen auf, jedoch gibt es einige Merkmale, in denen sie sich zu epileptischen Anfällen unterscheiden. Bei den dissoziativen Krampfanfällen treten selten die für epileptische Anfälle typischen Symptome Zungenbiss, Verletzungen beim Sturz oder Einnässen (Inkontinenz) auf. Zusätzlich verlieren Betroffene von dissoziativen Krampfanfällen während des Anfalls nicht das Bewusstsein, stattdessen kommt es teilweise zu stupor– oder tranceähnlichen Zuständen.

Dissoziative Krampfanfälle sind individuell sehr unterschiedlich, vor allem bezüglich Häufigkeit und Dauer der Anfälle und des Erscheinungsbildes. Die dissoziativen Anfälle kennzeichnen sich zum Beispiel durch krampfartige Zuckungen, verrenkungsähnliche Bewegungen, Überstreckungen des Kopfes, Grimassierungen oder schüttelnde Bewegungen der Arme, Beine oder des Kopfes. Nach einem Anfall besteht nur eine bruchstückhafte oder keine Erinnerung an den Anfall.

Die dissoziativen Krampfanfälle gehören zur Gruppe der dissoziativen Störungen, d.h. die Anfälle unterliegen nicht der bewussten Kontrolle der Betroffenen sondern sind eine unterbewusst gesteuerte, unfreiwillige Reaktion auf überfordernde emotionale Belastungen.

Je nach Häufigkeit und Ausprägung können die dissoziativen Krampfanfälle die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Darüber hinaus nehmen Betroffene die Anfälle oftmals als beängstigend und beschämend wahr. Viele Betroffene haben Mühe anzuerkennen, dass die dissoziativen Anfälle psychogen, d.h. psychisch bedingt sind.

In der ICD-10 sind die dissoziativen Krampfanfälle unter den dissoziativen Störungen (Konversionsstörungen) klassifiziert und unter dem Code F44.5 vorzufinden.

In Publikationen treten dissoziative Krampfanfälle auch unter folgenden anderen Bezeichnungen auf:

  • Dissoziative Anfälle
  • Psychogene Anfälle
  • Pseudo-epileptische Anfälle
  • Hysterische Anfälle
  • Funktionelle Anfälle

Häufigkeit

Dissoziative Krampfanfälle kommen relativ selten vor. Nur 2-3 von 10.000 Menschen (0,2-0,3 Pro Mill) leiden unter dieser Erkrankung. Mit 70% sind überwiegend Frauen von dissoziativen Krampfanfällen betroffen. In der Regel tritt die Krankheit erstmals nach der Pubertät auf.

Ursachen

Viele Menschen, die unter dissoziativen Krampfanfällen leiden, haben ein Trauma erlebt. Die Traumata können schon sehr lange zurückliegen und müssen nicht zwangsläufig erinnerbar sein. Oft wird von Betroffenen berichtet, dass sie während der dissoziativen Anfälle flashbackartige Erlebnisse haben, z.B. Erinnerungen an ein Trauma oder Albträume.

Auch sehr schwierige Lebenssituationen sind als Ursache für dissoziative Krampfanfälle möglich, z.B. ungewöhnlich starke und ausweglos erscheinende Konflikte in der Familie oder am Arbeitsplatz.

Diagnose und Differenzialdiagnostik

Dissoziative Krampfanfälle sind nicht einfach zu diagnostizieren und schwer von epileptischen Anfällen zu unterscheiden. Aus diesem Grund erhalten viele Betroffene zunächst die falsche Diagnose „Epilepsie“. Die standardmäßige Behandlung von epileptischen Anfällen mit Antiepileptika hat bei dissoziativen Krampfanfällen keine positiven Auswirkungen. Nicht erfolgreich behandelbare epileptische Anfälle sind in 20-30% der Fälle in Wahrheit verkannte dissoziative Anfälle. Im Schnitt vergehen bei dissoziativen Krampfanfällen 7 Jahre bis zur richtigen Diagnose.

Im Wesentlichen unterscheiden sich die Merkmale von dissoziativen zu epileptischen Krampfanfällen wie folgt:

  • Bei dissoziativen Krampfanfällen bleiben die Betroffenen während des Anfalls bei Bewusstsein.
  • Der Beginn und das Ende von dissoziativen Krampfanfällen verlaufen allmählich, wohingegen epileptische Anfälle plötzlich auftreten.
  • Die Intensität des Anfalls ist bei dissoziativen Krampfanfällen oftmals beeinflussbar, beispielsweise Verstärkung der Symptome durch Ansprechen der Person.
  • Bei dissoziativen Anfällen sind die Augen meistens geschlossen. Manchmal sind jedoch auch weite, nicht auf Licht reagierende Pupillen vorhanden.
  • Dissoziative Krampfanfälle dauern größtenteils länger als epileptische Anfälle, die in der Regel nur 3-5 Minuten andauern.
  • Betroffene von epileptischen Anfällen sind nach den Anfällen völlig desorientiert bzw. am Schlafen. Dieses ist bei dissoziativen Anfällen in der Regel nicht der Fall.
  • Die Zuckungen bei dissoziativen Krampfanfällen sind eher asynchron und arrhythmisch.

Differenzialdiagnose mit EEG

Durch Video-EEG-Monitoring (EEG = Elektroenzephalographie) kann mit nahezu vollständiger Sicherheit eine Epilepsie ausgeschlossen werden. Die Betroffenen werden dabei während den Anfällen gefilmt und deren elektrische Gehirn-Aktivitäten gemessen. Im Unterschied zu epileptischen Anfällen treten bei dissoziativen Krampfanfällen keine Auffälligkeiten im EEG auf.

Therapie

Bei dissoziativen Krampfanfällen ist Psychotherapie das Mittel der Wahl. Die Therapie sollte dabei von Therapeuten durchgeführt werden, die ausreichende Erfahrungen im Bereich der dissoziativen Störungen besitzen.

Unterschiedliche Therapieformen sind zur Behandlung möglich. Die Art der Therapie sollte davon abhängig sein, welche und wie viele weitere dissoziative Symptome vorliegen (siehe Die 24 Symptome dissoziativer Störungen). Bei einfachen dissoziativen Störungen ist die Arbeit an den Auslösern sowie die Verbesserung der Affektwahrnehmung und der Affekttoleranz empfehlenswert. Bei komplexen dissoziativen Störungen (NNBDS, DIS) müssen störungsspezifische Therapietechniken angewendet werden, welche die dissoziativen Barrieren systematisch verringern.

Begleiterkrankungen

Bei 90% der Betroffenen sind psychische Begleiterkrankungen vorzufinden. Zu den häufigsten Begleiterkrankungen gehören:

  • Andere dissoziative Störungen
  • Somatoforme Störungen
  • Depression
  • Angststörungen
  • Persönlichkeitsstörungen
  • Posttraumatische Belastungsstörungen

So kannst Du jemandem helfen, der einen dissoziativen Anfall hat

  • Sorge für Sicherheit, entferne z.B. gefährliche Gegenstände aus dem Umfeld und lege dem Betroffenen etwas Weiches unter den Kopf.
  • Halte den Betroffenen nicht fest. Dies kann zu Verletzungen und zur Verlängerung des dissoziativen Anfalls führen.
  • Spreche ruhig und freundlich mit dem Betroffenen. Deine Worte können beruhigend wirken und den Anfall verkürzen.

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Dissoziative Krampfanfälle (Symptome, Ursachen, Diagnostik, Therapie) - posttraumatische-belastungsstörung.com

14 Antworten

  1. Marie sagt:

    @K.S. Mir selbst wurde die Epilepsieklinik Tabor in Bernau empfohlen, da die sich dort sowohl diagnostisch als auch anschließend therapeutisch mit dissoziativen Krampfampfällen befassen:

    https://www.epi-tabor.de/index.php/psychosomatische-epileptologie-fuer-erwachsene/

    Ich selber habe heute erst meine Diagnose bekommen, war demnach selber noch nicht da. Eine tiefenpsychologische Gesprächstherapie im Vorfeld dieser Diagnose hatte nichts an der Symptomatik meiner Anfälle („Petit Mal“ und „Absencen“) verändert, auch wenn meine PTBS deutlich umgänglicher wurde. Vielleicht wissen die in der Klinik ja weiter?
    In der Epileptologie sind Betroffene dissoziativer Krampfanfälle übrigens gar nicht so selten. Ich habe sogar eine, die sowohl epileptische als auch nicht-epileptische Anfälle hatte, kennengelernt. Wir sind definitiv keine Einzelfälle 😉
    Hoffentlich hast du mehr Glück bei deiner Behandlung; ich wünsche dir das Beste 🍀

    @Lieber Stephan,
    danke für diesen informativen Artikel und deine tolle Website im allgemeinen! Du stellst auch weniger bekannte Problematiken punktgenau und differenziert sowie verständlich dar – weiter so! 🌻

    Ganz liebe Grüße,
    Marie

    Nachtrag:
    Es gibt auch ambulante Sprechstunden der Charité, die spezialisiert auf dissoziative Anfälle sind:

    https://www.ezbb.de/index.php/ambulanz-fuer-dissoziative-anfaelle/

  2. Sascha sagt:

    Ist zwar schon was her, jedoch eine kleine Korrektur. Die Ärzte erlegen auch bei dissoziativen Krampfanfälle ein Fahrverbot auf.
    Leider ist meine Frau seit mehreren Jahren betroffen und wir finden keine Hilfe, die dem ganzen auf den Grund geht. Es wird immer nur die Symptomatik bekämpft.
    Sie darf, begründung vom Arzt, kein Auto fahren da sie, wie auch bei echten epileptischen Anfällen, jederzeit die Kontrolle verlieren kann.
    Dies ist bei meiner Frau mehrfach passiert, Gott sei Dank in keiner Gefahrensituation.
    Ich hoffe darauf irgendwann einen Therapeuten zu finden, der den Grund sucht

  3. Astrid Skopik-Esterle sagt:

    Danke, ich wollte mich schon für verrückt erklären.

  4. K. S. sagt:

    Hallo,

    ich leide auch massiv darunter seit ca einem halben Jahr 🙁 Haben Sie evtl Tipps, Ratschläge oä, vlt auch bezüglich Therapie, Kliniken,..?

    Vielen Dank im Voraus und danke für den tollen Blogeintrag!

    • Stephan sagt:

      Hallo K.S.,

      spezifische Therapieangebote für dissoziative Krampfanfälle sind mir leider keine bekannt. Auf Facebook gibt es eine Gruppe „PTBS posttraumatische Belastungsstörung“ mit mehr als 4000 Mitgliedern. Ich weiß, dass es in dieser Gruppe einige Betroffene mit dissoziativen Krampfanfällen gibt. Vielleicht hilft es Dir, Dich dort mit anderen Betroffenen austauschen.

      Ich wünsche Dir alles Gute.

      Liebe Grüße
      Stephan

  5. Magda Tinnes sagt:

    Hallo ,wir wissen nicht mehr weiter.meine Tochter ist 15 jahre alt und bekommt anfälle.3 auch bis 5 mal am Tag.sogar wenn sie schläft wird sie wach weil sie merkt das sie einen anfall bekommt..3 mal hat sie anschlisend verkramft.alles untersucht.nix gefunden.in klinikum aachen soll sie 6 bis 8 wochen stationer in die physomatische therapie.aber wird erst in 5 wochen erst platz bekommen.habe angst und weis nicht mehr weiter.lebe als mutter jeden augenblick mit angst.bitte kann uns jemanden helfen 😭

    • Stephan sagt:

      Liebe Magda,

      ich melde mich per Email bei Dir.

      Beste Grüße
      Stephan

      • Erich sagt:

        Lieber Stefan mich würde interessieren wo du dein wissen her hast. Beim Thema Führerschein sind Ärzte und Neurologen aber ganz anderer Meinung. Ich bin selbst betroffen und muss mich mit Ärzten herumschlagen, dabei steht nicht mal fest ob ich überhaupt solche Anfälle habe. Habe aber schon 3 Monate Fahrverbot aufgefasst und da wurde mir noch gesagt das ich mich noch glücklich schätzen kann den normalerweise währe es ein Jahr gewesen. Über eine Antwort würde ich mich freuen.

        • Stephan sagt:

          Lieber Erich,

          vielen Dank für Deine Nachricht. Mein Wissen habe ich unter anderem aus meiner Ausbildung zum Heilpraktiker für Psychotherapie und aus Fachbüchern. Dass wegen der Diagnose „Dissoziative Krampfanfälle“ Fahrverbote ausgesprochen werden, ist mir neu.

          Welche Diagnose hast Du denn erhalten und wie ausgeprägt sind bei Dir die Anfälle?

          Liebe Grüße
          Stephan

  6. Lina sagt:

    Darf man mit dissoziative anfälle ein Führerschein haben und Auto fahren?

  7. Stella sagt:

    Vielen Dank für den guten Artikel zu diesem speziellen und oft verkannten Thema und die wertvolle Aufklärungsarbeit, die du auch hier leistest, Stephan!

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