Psychotherapie: Was die Krankenkasse bezahlt und was Du beachten solltest

Psychotherapie Kosten: Was zahlt die Krankenkasse?

Viele Traumatisierte, vor allem Betroffene von komplexer PTBS kennen das Problem: die von der Krankenkasse genehmigten Sitzungen sind aufgebraucht und die Kasse weigert sich, weitere Stunden für die Psychotherapie zu bezahlen.

Dann hast Du drei Möglichkeiten:

  • Du wechselst die Therapieform (dazu unten mehr),
  • Du wartest zwei Jahre und kannst dann eine neue Psychotherapie bei der Krankenkasse beantragen,
  • Du wirst zum Selbstzahler und bezahlst Deine Therapie aus eigener Tasche.

Eine sehr enttäuschende Situation, aber das ist leider die Realität!

Mir ging es auch so. Im letzten Jahr war mein Kontingent für meine Verhaltenstherapie nach mehreren durch die Krankenkasse gewährten Verlängerungen restlos aufgebraucht. Seitdem habe ich rund 10.000 Euro aus eigenen Mitteln in meine Therapie gesteckt. Aber was will man machen? Man möchte ja schließlich gesund werden und endlich seinen Seelenfrieden finden!

In diesem Artikel erfährst Du, welche Umstände dazu führen, dass die von den Krankenkassen bezahlten Sitzungen oftmals nicht ausreichen und was man zu Therapiebeginn beachten sollte, damit man möglichst viele Stunden von der Krankenkasse bezahlt bekommt. Darüber hinaus berichte ich über eine Initiative, die sich dafür einsetzt, dass Traumatisierte die erforderlichen Therapiestunden von den Krankenkassen bezahlt bekommen.

Psychotherapie – das bezahlt die Krankenkasse

Richtlinienverfahren – anerkannte Therapieformen

In Deutschland sind drei Psychotherapieformen von den gesetzlichen Krankenkassen als sogenannte „Richtlinienverfahren“ anerkannt. Nur diese gelten als wissenschaftlich wirksam und wirtschaftlich. Zu den Richtlinienverfahren gehören:

  • die Verhaltenstherapie (VT),
  • die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP),
  • die analytische Psychotherapie (AP), auch „Psychoanalyse (PA)“ genannt.

Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen die Psychotherapie nur, wenn der Psychotherapeut eine Kassenzulassung besitzt und eines der drei Richtlinienverfahren anwendet. Andere Therapieformen werden nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Unabhängig von der Therapiemethode werden Therapien bei Psychotherapeuten ohne Kassenzulassung grundsätzlich nicht von der Krankenkasse bezahlt. Eine Ausnahme hierzu stellt die Sonderregelung „Kostenerstattungsverfahren“ dar, wenn sich kein Psychotherapeut mit Kassenzulassung finden lässt (zum Beispiel in ländlichen Gegenden).

Genehmigte Therapiestunden

Die Anzahl der von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlten Sitzungen ist abhängig von der Therapieform. Folgende Stundenkontingente werden von den Krankenkassen gewährt:

  • Verhaltenstherapie: 60 Stunden, maximal 80 Stunden inklusive Verlängerung (muss beantragt werden)
  • Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie: 60 Stunden, maximal 100 Stunden inklusive Verlängerung
  • Analytische Psychotherapie: 160 Stunden, maximal 300 Stunden inklusive Verlängerung

Was Du bei der Suche nach einem Psychotherapeuten beachten solltest

Alle drei Therapieformen werden von Traumatherapeuten anwendet. Aus diesem Grund ist es ratsam, sich während der Therapeutensuche bei den Therapeuten zu erkundigen, nach welcher Therapieform sie bei den Krankenkassen abrechnen. Rechnen diese zum Beispiel Verhaltenstherapie ab, so wird die Krankenkasse maximal 80 Sitzungen bezahlen. Bei einem Psychotherapeuten, der analytische Psychotherapie abrechnet, sind es maximal 300. Findest Du also einen Traumatherapeuten, der analytische Psychotherapie abrechnet, bezahlt Dir die Krankenkasse bis zu fast viermal so viele Sitzungen wie bei einer Verhaltenstherapie.

Das paradoxe daran: es ist egal, welche Therapiemethoden der jeweilige Therapeut bei Dir anwendet. So können ein analytischer Psychotherapeut und ein Verhaltenstherapeut die gleichen Techniken der Traumatherapie anwenden, dennoch gewähren die Krankenkassen unterschiedliche Stundenkontingente. Bürokratischer Unsinn.

Solltest Du aktuell auf der Suche nach einem Psychotherapeuten sein, findest Du in meinem Beitrag Den richtigen Traumatherapeuten finden in 7 einfachen Schritten wertvolle Informationen dazu.

Wechsel der Therapieform

Falls Deine Therapiestunden aufgebraucht sind, hast Du die Möglichkeit, die Therapieform (nach Richtlinienverfahren) zu wechseln. Wenn Du zum Beispiel bisher eine Verhaltenstherapie gemacht hast und die 80 Maximalstunden erreicht sind, kannst Du beispielsweise zu einem Psychotherapeuten wechseln, der die analytische Psychotherapie abrechnet. Die Krankenkasse könnte Dir dann 160-300 neue Stunden genehmigen.

Wechselst Du die Therapieform, so ist für die neue Therapie ein Antrag bei der Krankenkasse zu stellen. Dieses übernimmt in der Regel der (neue) Therapeut für Dich.

Gerade bei Traumatisierten stellt der Wechsel des Psychotherapeuten jedoch eine große Belastung dar. Mit dem neuen Therapeuten muss erstmal eine Vertrauensbasis hergestellt werden, um am Trauma weiter arbeiten zu können.

Private Krankenkassen und Zusatzversicherungen

Private Krankenkassen besitzen eigene Vorgaben, nach denen sie die Kosten für eine Psychotherapie übernehmen oder nicht. Diese sind von Krankenkasse zu Krankenkasse verschieden. Solltest Du privat versichert sein, so ist es ratsam, dass Du Dich bei Deiner Kasse erkundigst, welche Kosten übernommen werden.

Es gibt zahlreiche Zusatzversicherungen, die weitere Therapieleistungen (z.B. Heilpraktiker-Leistungen) abdecken. Oftmals besteht jedoch eine Sperrfrist nach Abschluss der Versicherung. Das heißt, man muss einige Zeit warten, bevor man die Leistungen der Zusatzversicherung in Anspruch nehmen kann.

Initiative Phoenix – Traumatisierte müssen bessere Behandlungsbedingungen bekommen

Im Jahr 2010 beschloss eine Betroffene, „laut zu werden“, da sie empört über die schlechte Versorgungssituation für Traumatisierte war. Sie schrieb einen offenen Brief, der unter anderem an die Presse und die Politik gerichtet war, mit dem Aufruf, dass sich die Behandlung für Patienten mit komplexer PTBS verbessern müsse. Der Brief stieß auf sehr große Resonanz. Aus dem Brief wurde dann die Initiative Phoenix.

Die Initiative Phoenix fordert die Ergänzung der Psychotherapie-Richtlinie durch den gemeinsamen Bundesausschuss um einen Behandlungsrahmen für komplexe Traumafolgestörugen. Die bisher anerkannten drei Therapieformen (siehe oben) werden den Anforderungen komplex Traumatisierter Patienten nicht gerecht. Betroffene sollten eine angemessene Behandlung und ein vielfaches der heute bestehenden Kontingente erhalten.

Mittlerweile wird die Initiative Phoenix auch von vielen Psychotherapeuten unterstützt. Die „prominenteste“ Unterstützerin dürfte Michaela Huber sein, eine absolute Spezialistin im Bereich Trauma.

Deine Stimme zählt!

Auch Du kannst die Initiative Phoenix mit Deiner Stimme unterstützen. Es gibt eine Petition, die aktuell (Stand Mai 2017) von fast 3.100 Menschen unterschrieben wurde.

Werde Teil der Initiative.
Sorge für eine bessere Behandlung für Traumatisierte und

Gib der Petition Deine Stimme!

Das dauert keine Minute.

 

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Über Fragen, Kommentare, Anregungen sowie Likes und Teilen des Beitrags freue ich mich.

HERZliche (und heute auch sonnige) Grüße

Stephan

Psychotherapie: Was die Krankenkasse bezahlt - posttraumatische-belastungsstörung.com

5 Antworten

  1. Danke für die tolle Zusammenfassung, lieber Stephan.

    Betroffenen empfehle ich folgendes:
    Vor (!) Beantragung der Therapie (d.h. auch in der „Grauzone“ der 5 approbatorischen Sitzungen) eine Zusatzversicherung abzuschließen, die den HP für Psychotherapie abdeckt. Einige, wie z.b. der Münchner Verein, haben Verträge ohne Sperrfrist und bei ca 400-500€ Jahresbeitrag über nehmen sie 100% der Kosten bis 1000€. Damit lassen sich je nach Stundensatz etwa 10-20 Stunden zusätzlich abdecken und die Beiträge sind zusätzlich steuerlich absetzbar.
    In Ergänzung mit den bewilligten Stunden lässt sich so arbeiten. Nicht perfekt, doch innerhalb des gegebenen Rahmens kenne ich (noch) keine bessere Lösung.
    Bester Gruß,
    Jonas – Gestalttherapeut im Raum Stuttgart und München

    • Stephan sagt:

      Hallo lieber Jonas,

      vielen Dank für die sehr wertvollen Hinweise.

      Beste Grüße
      Stephan

    • Silke sagt:

      Hallo Jonas , vielen Dank für diese für mich sehr wichtige Information ! hätte ich auch eigentlich selbst überlegen können , heute gibt es für alles Versicherungstarife :/ ich bin gerade aktuell dabei einen Therapeuten zu suchen und zu finden …. lieb äugele mit Hypnotherapie , gibt es da auch Möglichkeiten das durchzusetzen bei der KK ?

  2. P.S. die systemische Therapie ist inzwischen wissenschaftlich anerkannt. Die Kassenzulassung ist beantragt. Mit der nächsten – lange überfälligen – Revision des Psychotherapeutengesetzes werden „humanistische Verfahren“ (inkl. Systemischer und Gestalttherapie) zugelassen. Erste Ausbildungen zur Approbation als systemischer Therapeut gibt es bereits seit kurzer Zeit (u.a. gstb).

  3. Kroete sagt:

    Es ist unabhängig vom Wohnort durchaus möglich, einen nicht kassenzugelassenen Therapeuten im Kostenerstattungsverfahren genehmigt zu bekommen. Voraussetzung dafür ist lediglich, dass kein geeigneter Therapeut in annehmbarer Zeit (ein paar Wochen!) einen Platz frei hat. Das belegt man mit einer Liste von 5-10 Therapeuten, die keine Plätze haben. Das wird auch nicht groß nachgerüstet.
    Vorausgesetzt der gewünschte Therapeut kooperiert ist es möglich, die Genehmigung in wenigen Wochen zu bekommen.

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