Persönlichkeitsanteile komplexer dissoziativer Störungen

Persönlichkeitsanteile

Jeder Mensch besitzt unterschiedliche Persönlichkeitsanteile. Je nach Situation treten diese mehr oder weniger in Erscheinung und beeinflussen das Fühlen, Denken und Handeln.

Bei Betroffenen, die unter einer komplexen dissoziativen Störung wie der Nicht Näher Bezeichneten Dissoziativen Störung (NNBDS) oder die Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) leiden, ist die Persönlichkeitsstruktur dissoziativ. Das heißt, ihre Gesamtpersönlichkeit besteht aus zwei oder mehr abgespaltenen (dissoziierten) Persönlichkeitsanteilen.

Zwischen den dissoziierten Persönlichkeitsanteilen bestehen dissoziative Barrieren, welche das Bewusstsein der Anteile zueinander und der Interaktion untereinander einschränken oder sogar vollständig blockieren. Ist ein Persönlichkeitsanteil zum Beispiel vollkommen dissoziiert, so ist uns die Existenz dieses Anteils überhaupt nicht bewusst, ebenso wenig dessen Auswirkungen auf andere Persönlichkeitsanteile bzw. auf unser Fühlen, Denken und Handeln.

Persönlichkeitsanteile können sich so abgespalten darstellen, dass sie wie eigene Persönlichkeiten wirken mögen. So können Persönlichkeitsanteile zum Beispiel eigene Namen, ein eigenes Alter, spezifische Vorlieben und Fähigkeiten und sogar unterschiedliche Geschlechter besitzen. Aus diesem Grund wurde die dissoziative Identitätsstörung (DIS) früher auch als Multiple Persönlichkeitsstörung bezeichnet. Es handelt sich bei den Persönlichkeitsanteilen jedoch nicht um eigenständige, vollständige Persönlichkeiten, sondern um abgespaltene Teile einer Gesamtpersönlichkeit.

Formen von Persönlichkeitsanteilen

Dissoziierte Persönlichkeitsanteile sind individuell und sehr vielfältig. Es lassen sich jedoch zwei Grundtypen unterscheiden:

  • Persönlichkeitsanteile, die im Alltag funktionieren (auch ANP, Anscheinend normale Persönlichkeitsanteile genannt)
  • Persönlichkeitsanteile, die traumatische Erfahrungen in sich tragen (auch EP, Emotionale Persönlichkeitsanteile genannt).

Die Unterschiede dieser beiden Grundtypen sind im Folgenden dargestellt.

Persönlichkeitsanteile, die im Alltag funktionieren

Betroffene, die unter der Nicht Näher Bezeichneten Dissoziativen Störung (NNBDS) leiden, besitzen einen dominierenden Persönlichkeitsanteil, der das tägliche Leben führt. Bei Menschen, die von der Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) betroffen sind, können mehrere Alltags-Persönlichkeitsanteile existieren. Sie besitzen zum Beispiel einen Anteil, der zur Arbeit geht und einen Anteil, der sich um die Kinder und Familie kümmert.

Die Hauptfunktion von Persönlichkeitsanteilen dieses Typs ist das Funktionieren im Alltag. Sie meiden Kontakt zu anderen Persönlichkeitsanteilen oder wehren sich dagegen, andere Anteile zu erkennen und anzuerkennen. Sie vermeiden sämtliche Situationen, welche die anderen Persönlichkeitsanteile und somit traumatische Erinnerungen aktivieren könnten. Das Vermeidungsverhalten hilft zwar, traumatische Erlebnisse und die damit verbundenen überwältigenden Gefühle unter Verschluss zu halten. Die Lebensqualität wird dadurch jedoch in zunehmendem Maße eingeschränkt.

Persönlichkeitsanteile, die traumatische Erfahrungen in sich tragen

Es existieren unterschiedliche Persönlichkeitsanteile, welche traumatische Erfahrungen in sich tragen. Sie sind in der Traumazeit stecken geblieben. Für diese Anteile fühlt es sich so an, als würde sich das Trauma in der Gegenwart ständig wiederholen.

Die traumatisierten Persönlichkeitsanteile sind sehr individuell. Es lassen sich jedoch folgende Grundtypen beobachten (vgl. Boon, Steele, Van der Hart):

  • Junge Anteile
  • Helferanteile
  • Anteile, die Täter nachahmen
  • Kämpferische Anteile
  • Schamerfüllte Anteile

Die Grundtypen der traumatisierten Persönlichkeitsanteile sind im Folgenden näher erläutert. Wichtig ist, dass das selbst empfundene innere Erleben so akzeptiert werden sollte, wie es ist. Es sollte nicht der Versuch unternommen werden, die eigenen Anteile den beschriebenen Grundtypen anzupassen.

Junge Anteile

Die meisten Menschen mit einer komplexen dissoziativen Störung, die als Kind traumatisiert worden sind, verfügen über junge Anteile. Das subjektiv empfundene Alter dieser Persönlichkeitsanteile entspricht nicht dem tatsächlichen Alter der betroffenen Person. Häufig tragen junge Anteile traumatische Gefühle oder quälende Körpererinnerungen in sich.

Helferanteile

Betroffene von komplexen dissoziativen Störungen besitzen manchmal Helferanteile. Diese können sich um andere Anteile kümmern und diese beruhigen. Manchmal bilden sich die Helferanteile nach dem Vorbild einer Person aus der Vergangenheit, die man als freundlich und helfend erlebt hat (zum Beispiel die Großeltern). Es sind auch Helferanteile möglich, die sich auf Basis von positiv erlebten Figuren aus Büchern oder Film und Fernsehen (z.B. Superman) bilden.

Anteile, die Täter nachahmen

Häufig entstehen durch Traumatisierungen Persönlichkeitsanteile, welche die Täter (der Traumatisierung) nachahmen. Diese Persönlichkeitsanteile tragen oftmals überwältigende Gefühle wie Wut, Hass und Hilflosigkeit und manchmal auch Schuld- und Schamgefühle in sich. Oft bedrohen oder bestrafen sie andere Anteile oder richten die Wut auch auf Menschen in der Außenwelt. Das Verhalten der täterimitierenden Anteile ist für andere Anteile häufig unakzeptabel, beschämend oder beängstigend. In einer Therapie sollte man dennoch lernen, diese Anteile zu verstehen und als Folge der Traumatisierung zu akzeptieren.

Kämpferische Anteile

Kämpferische Anteile sind zu verstehen als kämpferische Gefahrenabwehr. Diese Anteile fühlen sich stark, teilweise sogar unverwundbar und reagieren sehr aggressiv auf wahrgenommene Gefahren. Sie können ihre Aggressivität gegen Menschen in der Außenwelt und gegen andere innere Anteile wenden, die in irgendeiner Weise eine Bedrohung darstellen.

Schamerfüllte Anteile

Die Scham ist ein Gefühl, das die Dissoziation aufrecht erhält. Die schamerfüllten Persönlichkeitsanteile werden besonders gemieden, weil sie schwer auszuhaltende Erfahrungen oder Gefühle in sich bergen.

Anzahl der Persönlichkeitsanteile

Die Anzahl der Persönlichkeitsanteile bei komplexen dissoziativen Störungen ist recht unterschiedlich. Betroffene von der Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) besitzen durchschnittlich 8-10 Persönlichkeitsanteile. Es existieren jedoch auch Fälle mit weit mehr als 100 Anteilen. Die Anzahl der Anteile ist an sich unwichtig. Sie spielt lediglich eine Rolle für die Therapie. Je fragmentierter eine Person ist, d.h. je mehr Anteile sie besitzt, desto umfangreicher stellt sich der Integrationsprozess dar.

Ausprägung von Persönlichkeitsanteilen

Persönlichkeitsanteile können unterschiedlich stark ausgeprägt bzw. entwickelt sein und mehr oder weniger autonom auftreten, d.h. sich getrennt von anderen Anteilen erleben.

Die meisten Menschen, die unter einer komplexen dissoziativen Störung leiden, besitzen mindestens einen komplexen, hochentwickelten Anteil, der im Alltagsleben zurechtkommt und funktioniert. Diese Anteile weisen ein breites Spektrum an Emotionen, Gedanken, Verhaltensweisen und Fertigkeiten auf.

Andere Persönlichkeitsanteile können hingegen ein nur sehr begrenztes Repertoire an Emotionen, Gedanken, Verhaltensweisen und Fertigkeiten besitzen. So kann es zum Beispiel sein, dass ein Anteil nur über die Emotion Traurigkeit verfügt.

Auch die Ausprägung der Autonomie von Persönlichkeitsanteilen kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Es gibt Anteile, die unabhängig von anderen Anteilen agieren und die volle Kontrolle übernehmen können. Andere Anteile hingegen treten nur in Verbindung mit weiteren Anteilen auf und übernehmen keine vollständige Kontrolle.

Beeinflussung durch Persönlichkeitsanteile

Persönlichkeitsanteile können andere Anteile beeinflussen. Dieser Einfluss muss einem dabei nicht zwangsläufig bewusst sein, sondern kann sich allein auf der unterbewussten Ebene abspielen.

Befindet man sich zum Beispiel an einem Ort mit größeren Menschenmengen, so kann der dominierende Alltags-Anteil durchaus mit der Situation zurecht kommen und sich an der Menschenmenge nicht stören. Ein anderer, traumatisierter Anteil kann jedoch durch die Situation getriggert werden und den Alltags-Anteil dazu bringen, einen ruhigeren Ort aufzusuchen. Dieses kann sich zum Beispiel über Stimmenhören äußern, indem der traumatisierte Anteil dem Alltags-Anteil mitteilt „Du bist in Gefahr, verlasse diesen Ort und das dringend!“.

Die Beeinflussung kann nicht nur über Stimmenhören, sondern auch durch andere Wege erfolgen, z.B. über sich aufdrängende Gedanken, aufdrängendes Verhalten oder aufdrängende Emotionen.

Switchen

Der Wechsel von einem Persönlichkeitsanteil in einen anderen wird „Switchen“ genannt. Das Switchen passiert häufig unwillkürlich und steht oft in Verbindung mit einem auslösenden Reiz (Trigger genannt).

Vor allem bei der Dissoziativen Identitätsstörung (DIS) kommt es vor, dass ein Anteil die ausschließliche Kontrolle über das Verhalten übernimmt. Alle anderen Anteile werden dann komplett verdrängt. Nach dem Switchen von einem Anteil in einen anderen kann es dann passieren, dass einem nicht mehr bewusst ist, wie man an den gegenwärtigen Ort gekommen oder was in der Zeit vor dem Switchen passiert ist. Diese Informationen befinden sich im Anteil, der vor dem Switchen präsent war.

Ursachen

Die Ursache von komplexen dissoziativen Störungen sind traumatische Erlebnisse. Die Dissoziation stellt eine Art Schutzmechanismus unserer Psyche dar. Durch die Dissoziation werden überwältigende traumatische Ereignisse in Persönlichkeitsanteile abgespalten.

Der Alltag und das Leben können nach dem Trauma weiterhin bewältigt werden, weil die traumatischen Erinnerungen sich in abgespaltenen Persönlichkeitsanteilen und nicht in den Alltags-Persönlichkeitsanteilen befinden.

Therapieprozess

Die Therapie von komplexen dissoziativen Störungen ist meist langwierig. Anfangs bestehen zwischen den Anteilen große dissoziative Barrieren. Die Alltags-Persönlichkeitsanteile meiden die Anteile, welche die traumatischen Erinnerungen in sich tragen, da sie sich nicht mit dem Trauma konfrontieren wollen. Die traumatisierten Anteile fühlen sich von den meidenden Anteilen im Stich gelassen und vernachlässigt. Hinzu kommt, dass einige Anteile miteinander im Konflikt stehen können, weil sie verschiedene Motive besitzen und unterschiedliche Ziele verfolgen.

Es dauert seine Zeit, sich selbst und die unterschiedlichen Persönlichkeitsanteile kennenzulernen und eine Kooperation der Persönlichkeitsanteile zu erarbeiten. Die Arbeit erfordert viel Geduld und vor allem Selbstakzeptanz.

Wesentliche Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie ist, dass sich die Therapeutin oder der Therapeut mit der Behandlung von komplexen dissoziativen Störungen auskennt.

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