Die schlechtesten Therapie-Ratschläge bei dissoziativen Störungen

Dissoziative Störungen Therapie-Ratschläge

Viele sogenannte Fachleute kennen sich mit dissoziativen Störungen und posttraumatischen Belastungsstörungen nicht wirklich aus. Sie haben keine Traumatherapie-Ausbildung gemacht und verfügen nur über allgemeine psychiatrische oder psychotherapeutische Kenntnisse und Methoden.

Es verwundert demnach nicht, dass viele Psychiater, Therapeuten und andere Fachleute Empfehlungen aussprechen, die nicht nur nicht zielführend sind, sondern das Leiden der Betroffenen nur noch vergrößern. Im schlimmsten Fall führen solche – wenn auch vielleicht gut gemeinten Ratschläge – zur vollständigen Verzweiflung.

So war das auch bei mir. Empfohlene Maßnahmen und Verhaltensweisen halfen nicht oder ich wusste, dass sie nicht helfen würden. Ich wurde immer verzweifelter, weil nichts half und meine dissoziativen Symptome unverändert blieben. Schlussendlich war ich nicht mehr weit davon entfernt, mir das Leben zu nehmen – so groß war meine Verzweiflung.

Da ich bereits seit längerem eine Top-Therapeutin habe und auf dem Weg der Genesung bin, kann ich die schlechten Ratschläge, die ich gehört habe, mittlerweile mit Abstand betrachten und auch mit etwas sarkastischem Humor nehmen.

Im Folgenden findet ihr die schlechtesten Therapie-Ratschläge, die ich bisher gehört habe. Wahrscheinlich findet sich hierin der ein oder andere von euch wieder – traurig, aber leider wahr!

„Eine Traumatherapie wird Ihnen nicht helfen. Sie haben kein Trauma.“

Diese Aussage habe ich öfters gehört. Psychiater und Therapeuten meinten, dass Trauma bei mir nicht zutreffen würde, da ich keine konkreten Erinnerungen in Form von Bildern an traumatische Erlebnisse hätte.

Da haben sich die „Fachleute“ aber sowas von getäuscht! Es ist sogar die Regel, dass viele Traumatisierte keine Erinnerungen an traumatische Ereignisse haben, weil diese durch den Mechanismus der Dissoziation aus dem Bewusstsein verdrängt wurden.

Es gibt zahlreiche Fälle, teils schwer und langfristig Traumatisierter, denen keinerlei Erinnerungen bewusst sind. Diese kommen erst im Rahmen einer spezifischen Traumatherapie nach und nach wieder ans Licht.

Meine dissoziativen Symptome waren eindeutig genug, um eine Traumatisierungen als Ursache annehmen zu müssen. Die wahren Fachleute haben dieses ohne Zweifel sofort erkannt. Mittlerweile kommen bei mir auch immer mehr abgespaltene, dissoziierte Erinnerungen zurück, teils in Form von Bildern, aber auch in anderen Erscheinungsformen, wie zum Beispiel Körpererinnerungen.

„Verwenden Sie einen Igelball gegen die Dissoziation.“

Von vielen Personen habe ich den Ratschlag bekommen, ich solle lernen, die Dissoziation mit starken Reizen, wie zum Beispiel mit Igelbällen, Ammoniak oder Eiswürfeln zu kontrollieren. Ich habe immer wieder neue Anläufe unternommen und es ausprobiert, doch geholfen hat es nichts.

Als ich dann endlich eine Therapeutin gefunden hatte, die sich wirklich mit dissoziativen Störungen auskennt, wurde das Rätsel um die Igelbälle gelöst: mit starken Reizen könne man leichtere dissoziative Zustände kontrollieren, nicht jedoch die ausgeprägten dissoziativen Symptome komplexer dissoziativer Störungen (NNBDS, DIS).

„Wollen Sie hier sein? Sie müssen es nur wollen.“

In einer psychosomatischen Klinik wollte man mir weis machen, dass ich meine dissoziativen Zustände bewusst kontrollieren könne. Ich müsste nur die Entscheidung treffen, nicht dissoziieren, sondern hier sein zu wollen.

Ich habe bisher noch niemanden kennengelernt, der dissoziiert hat und das bewusst wollte, bzw. gut fand. Der Ratschlag, man müsse es nur wollen, ist nicht nur aus fachlicher Sicht absoluter Unsinn, sondern führt zu vollständiger Verzweiflung, da sich Betroffene noch machtloser und „verrückter“ fühlen.

Jeder von dissoziativer Störung Betroffener möchte nicht (mehr) dissoziieren!

„Machen Sie Kreuzworträtsel. Das wird sie beruhigen.“

Eine gute Freundin von mir, die unter der Dissoziativen Identitätsstörung leidet, bekam einen heftigen Flashback und wurde daraufhin sehr suizidal. Sie fühlte sich nicht in der Lage, die suizidalen Impulse zu kontrollieren und rief deshalb einen psychiatrischen Krisendienst an.

Nachdem sie ihre Notlage ausführlich geschildert hatte, bekam sie folgenden Ratschlag: „Machen Sie Kreuzworträtsel. Das wird sie beruhigen. Wenn sie sich Montag nicht besser fühlen, dann können sie ja vorbeikommen.“ (es war übrigens Freitag Abend).

Meine Freundin war in einer absoluten Notsituation und hat nach Hilfe gesucht. Der Ratschlag, Kreuzworträtsel zu machen, ist für mich ein klarer Fall von unterlassener Hilfeleistung. Glücklicherweise wurde der Ernst der Lage in einer Notfallambulanz richtig erkannt. Meine Freundin bekam dann die richtige Hilfe.

„Gehen Sie wieder arbeiten. Das wird Ihnen gut tun.“

Wieder arbeiten zu gehen und sich zu reintegrieren ist ein Ratschlag, den ich öfters selbst bekommen habe. Ich bekomme auch von vielen anderen Betroffenen immer wieder geschildert, dass sie diesen Ratschlag gut kennen.

Dass arbeiten gehen und das Leben bestreiten erstrebenswert sei und gut tun mag, möchte ich überhaupt nicht von der Hand weisen. Viele wünschen sich nichts sehnlicher, als ein normales Leben zu führen. Es gibt jedoch Phasen, in denen arbeiten gehen schier unmöglich erscheint. Wie soll man vernünftige Arbeit leisten, wenn die dissoziativen Symptome zum Beispiel das Leben unkontrollierbar bestimmen?

Hinzu kommt auch, dass es Phasen gibt, in denen man einfach die Zeit für sich selbst braucht. Würde man in solchen Phasen arbeiten gehen, um den Pseudo-Verpflichtungen der Gesellschaft nachkommen, dann würde das nur den Genesungsprozess behindern.

Wenn arbeiten nicht geht, dann ist das so. Basta!

„Heiraten Sie.“

Meine ehemalige Psychiaterin ist eine wirklich weise Frau. Sie hat mir geraten, ich solle persönliche Pläne machen, wie zum Beispiel zu heiraten. Das würde mir helfen, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Man muss dazu wissen, dass sie sich mit posttraumatischen Belastungsstörungen und dissoziativen Störungen überhaupt nicht auskennt. Für sie scheinen verhaltenstherapeutische Ratschläge das Allheilmittel für alle psychischen Leiden zu sein.

Ich bewunderte diese kluge Frau und vermisse ihre Warmherzigkeit, die einem Eisberg gleicht. Dennoch fühle ich mich irgendwie bei meinem aktuellen Psychiater viel wohler und verstanden.

Eure Erfahrungen?

Ihr findet euch in den oben genannten Ratschlägen wieder oder habt andere schlechte Ratschläge erhalten? Ich freue mich, von euch zu hören bzw. zu lesen.

HERZliche Grüße

Stephan

4 Antworten

  1. Tina sagt:

    Das spricht mir aus der Seele. Vor allem das mit den starken Reizen. Wie lange hab ich an mir selbst gezweifelt. Und noch schlimmer war, dass meine Therapeuten ja dachten, ich gebe mir keine Mühe…

    • Stephan sagt:

      Liebe Tina, es freut mich zu lesen, dass Dir mein Beitrag gefällt. Leider höre ich von sehr vielen Betroffenen immer wieder, dass sie solche Ratschläge bekommen und daran verzweifeln.

      Ich wünsche Dir alles Gute!

      HERZliche Grüße
      Stephan

  2. Carmen sagt:

    Hallo Stephan,auch ich kenn das alles…leider….ich versuch ,damit klarzukommen…vermeide Arztpraxen…weil es eh keinen interessiert….habe alle Medikamente ausgeschlichen…weil ich heute ganz sicher bin,dass zb SSRI das neben sich stehen….noch verschlimmern….sonst würde ich nicht von Woche zu Woche mehr „genesen“….die Dissos seltener und nicht mehr so heftig….ich freu mich sehr über Deine Seite….die ist richtig klasse.
    Wo finde ich einen Arzt,der spezialisiert ist bzgl. Diss.Störungen?
    Vllt.kannst Du mir da weiterhelfen?!
    Vlg.

    • Stephan sagt:

      Hallo Carmen,

      vielen Dank für Deine Nachricht. Es freut mich zu lesen, dass es Dir immer besser geht und Du am genesen bist.

      Einen Arzt zu finden, der sich wirklich mit dissoziativen Störungen auskennt, ist nicht einfach. Ich habe sehr lange gesucht.

      Ich kann Dir leider keinen anderen Rat geben, als immer weiter auszuprobieren, bis Du Dich wirklich verstanden fühlst.

      Liebe Grüße
      Stephan

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